Mummy: Prelude, Part I

Amani

Hallo, mein Name ist Melekh sa Metsch… Okay. Vergessen wir das mit dem Nachnamen. Ich bin Melekh Bint-Anat. Werde mich bei Zeiten umbenennen müssen, oder einen Künstlernamen beantragen. Am besten beides.

Eigentlich sollte ich nicht mehr schreiben können, denn in Uganda habe ich mich mit einem seltsamen Phänomen angesteckt, dass mein Hirn in Pudding verwandelte. Warum ich Phänomen sage statt Krankheit? Naja, zum einen hätte man bei den bisherigen Blutuntersuchungen einiger Opfer sicherlich Spuren irgendeines Krankheitserregers gefunden, zum anderen glaube ich fest daran, dass ein Arzt wie Herr Krämer in der Zeit, die er schon gegen das Phänomen kämpfte, sicherlich zumindest den Ansatz einer Lösung oder den Ursprung des Problems entdeckt hätte.

Die Tatsache, dass es ein wenig so aussah wie die Yrr aus Frank Schätzing’s Schwarm und die Tatsache das mein Gehirn ebenfalls Brei war, ich aber jetzt trotzdem diese Gedanken fassen kann, ja sogar gesünder bin als jemals zuvor lassen mich also von einem Phänomen sprechen.

Worüber soll ich nun zuerst schreiben, soll ich mit dem Zeitpunkt beginnen nachdem sich mein Gehirn in Luxor verflüssigte und ich mich selbst tot im Bett liegen sah? Vermutlich nicht. Vermutlich sollte ich etwas weiter vorne Anfangen, nicht direkt em Ende meines zweiten Lebens sondern bei den Ereignissen die das Ende herbeiführten.

Erst vor kurzem hatte ich die letzten Prüfungen bestanden und ein grauenvolles Studium erfolgreich abgeschlossen. Mein Zeugnis war sogar ziemlich gut, nicht das beste aber ziemlich gut. Sogar mein Vater könnte nichts daran aussetzen, außer vielleicht, dass ich nicht auf einer Militäruniversität oder in Kooperation mit dem Militär studiert hatte. Wenn ich schon nicht die physischen Voraussetzungen mitbrachte um Soldat zu werden, so doch vielleicht Militär-Arzt. Nein danke, kann ich nur sagen. Oder hätte es sagen sollen, aber wie so oft hatte ich nicht den nötigen Mut dazu. Nach Misr zu gehen und Medizin zu stehen, war überhaupt meine erste mutige Handlung in einem von Gehorsam und Disziplin geprägtem Leben.

Nur noch wenige Tage und meine Familie würde aus Alexandria herüberkommen um mit mir die Abschlussfeier zu besuchen. Ich würde vorher noch unbedingt einige Bewerbungsschreiben aufsetzen müssen, sonst würde ich den Erstkontakt mit meinem Vater, ich hatte weder ihn noch irgend ein anderes Familienmitglied in den letzten 20 Monaten gesehen, nicht überleben. Dabei wohnten wir gar nicht so weit auseinander. Ich hätte sie sicherlich jedes Wochenende besuchen können, aber wozu? Um zwei Brüder zu treffen mit denen ich nie hatte mithalten zu können, denen ich es irgendwann nicht einmal mehr Wert gewesen war im Spaß verprügelt zu werden, weil ich ja doch keine Chance hatte? Eine Mutter, die völlig oberflächlich auf alles flog, was irgendwie aus dem Westen kam und nicht älter als 6 Monate war, am besten mit einem angebissenem Apfel daruf. Naja, das hätte immerhin bedeutet sie wäre schlau genug modernes technisches Gerät zu Bedienen, etwas von dem ich mir nicht ganz sicher war.
Und dann war da noch mein Vater, der uns seid wir klein waren behandelte, als wären wir Auszubildende in der Armee. Ja, Sir, nein, Sir, weggetreten, das volle Programm.
Wenn es nach mir ginge könnten sie gleich nebenan wohnen und ich besuchte sie trotzdem nicht.

Einzig und allein meine Schwester vermisste ich. Ich hatte sie vermisst, als sie damals ausgezogen war, jünger als ich jetzt, um irgend so einen idiotischen Soldaten zu heiraten. Eine gute Partie. Soll sich der Idiot doch auf dem Basar eine andere gute Partie, ein anderes Kamel kaufen, mehr war si doch für ihn nicht. Seid ich ihn kannte, das erste Mal gesehen hatte wollte ich ihn am liebsten umbringen. Amani verdiente es, dass ihr die Welt zu Füßen gelegt würde, mit jeder Faser meines seins wollte ich für sie da sein und dafür arbeiten, dass sie glücklich würde. Aber ich konnte nicht, es war verboten und dann kam noch dieser Kameltreiber Zaid dazwischen. Für ihn war sie nichts weiter als eine hübsche Legehenne mit einem einflusreichen Vater, der ihn weiter nach Vorne bringen würde. Nicht dass er das wirklich nötig hatte, seine skrupellose Brutalität hatte ihn auch so schon weit gebracht, aber eine gute Partie war nunmal einfach praktisch.

3 Tage noch und sie kämen mich hier besuchen. Nein, nicht in meiner kleinen gemütlichen Wohnung. Mein Vater hatte eigens zu diesem Zwecke im Sofitel Kairo El Gezirah, nicht weit von hier, eine ganze Etage gemietet, irgendwo weit oben, vielleicht sogar direkt unter dem Dach.
Ich freute mich nicht besonders auf ihr Eintreffen, aber Amanis Anblick allein, wäre alle Qualen wert die ich durch die anderen erleiden müsste. Vielleicht würde sie auch ihre Kinder mitbringen, die mochte ich im Gegensatz zu Zaid. Obwohl natürlich die Hälfte der Gene der armen kleinen sich aus Dreck zusammensetzte, blühte mein Herz jedes Mal auf wenn ich sie sah. Jedes von ihnen, Wakur, Anesh und selbst der kleine Rasir, eben erst 3 Monate alt als ich ihn das letzte mal sah, waren ein Quell guter Laune für mich. Drei kleine Sonnen mit denen ich gerne meine Zeit verbrachte. Sie waren alle noch sehr klein und für keine sinnvollen Betätigungen zu haben, aber ihr Lächeln wenn ich mit ihnen Schlaflieder sang oder ihnen Geschichten von Isis, Osiris und deren Familie vorlas war jede Minute mit ihnen Wert.

Aber ich schweife ab. Wie schon gesagt musste ich unbedingt noch einige Bewerbungen unter Dach und Fach bringen. Ich setzte mich vor meinen Laptop und surfte hier und da, den PC nutze ich nur selten, er war einfach nicht so bequem. Informierte mich, überflog verschiedene Internetpräsenzen und war gerade dabei eine Bewerbung zu schreiben, für ein Krankenhaus, dass mir als Sprungbrett aus Ägypten dienen sollte, als mein Blick an einem Namen hängen blieb.
Cleopatra Hospital.
Verstehen sie mich nicht falsch, ich nutze gerne moderne Technik und Spielereien, habe ein Smartphone, Flachbildschirm, Blueray-Player und alles was moderne Menschen eigentlich nicht brauchen, aber ich hatte gleichzeitig auch ein Narren an den Traditionen unseres Landes gefressen. Damit meine ich nicht anderthalb Jahrtausende Islam sondern die Jahrtausende unbefleckt von Griechenland und Rom, als Ägypten noch… das Reich des Sonnengottes war. Und wo befand sich das Cleopatra Hospital? In Heliopolis. Unglaublich.

Ohne groß nachzudenken fuhr ich mit dem Taxi durch die Mittagssonne zum Cleopatras und sah mich dort um. Ich konnte meinen Augen kaum trauen, es handelte sich um ein sehr modernes, behaglich eingerichtetes Krankenhaus mit wunderschönen Grünanlagen. So ähnlich musste es damals gewesen seien, einfach erhaben. Niemals hatte ich dergleichen von einem öffentlichen Krankenhaus in Misr erwartet. Man sollte die Stadt umbenennen in die große Hure, wie Babylon einst geheißen hatte. Zum Glück erlaubte das Geld meines Vaters mir in einem Viertel zu leben, das etwas Abstand zwischen mich und die unschönen Seiten der Stadt brachte.
Ich sah mich also in diesem Krankenhaus um, schnappte mir einige Flyer und war schnell im Untergeschoss auf der Suche nach einem Sekreteriat der Verwaltung um Näheres in Erfahrung zu bringen. Leider konnte ich keines ausmachen und so ging ich wieder hinauf um mir Hilfe an der Rezeption zu suchen. Die Frau hinter der Theke schien sich zu freuen, dass ich sie doch noch um Rat ersuchte und half mir bereitwillig weiter. Ich hatte gerade schon vor der richtigen Tür gestanden und musste nur noch klopfen.
Also ging ich erneut herab und lernte Hala Haseem kennen, eine junge Sekretärin des Oberarztes der neurologischen Abteilung. Auch sie schien von dem Krankenhaus wie verzaubert und versprach mir mit einem Lächeln auf den Wangen sich um einen Termin für mich bei ProfessorAlkakhy zu kümmern sobald ich meine Bewerbungsunterlagen bei ihr eingereicht hätte.
Nach einer vorzüglichen Tasse Tee verabschiedete ich mich überschwänglich und mit einem vor Glück springenden Herzen fuhr wieder nach Hause.

Ich schwebte auf Wolken, immerhin hatte ich das wunderbarste Krankenhaus mit einfach hinreißendem Personal was es auf der Welt nur geben konnte gefunden und das nur zwei Tage bevor ich meine Schwester endlich wiedersehen würde. Ich konnte es kaum erwarten ihr davon zu berichten. Wie im Flug hatte ich alle Unterlagen für eine Bewerbungsmappe zusammengestellt und schwang mich nach einer ausgiebigen Dusche ins Bett um sie gleich am nächsten Morgen Ms. Haseem zu überreichen.

Früh am nächsten morgen erwachte ich und machte mich gleich wieder auf den Weg zum Cleopatra’s wo ich meine Bewerbungsunterlagen freudestrahlend überreichte. Hala schien mir mein Glück anzusehen und versprach dafür zu sorgen, dass sich schnell um mich gekümmert würde. Sie legte die Mappe gar nicht erst auf den sich auftürmenden Ablagestapel, sondern direkt zu den wichtigeren Unterlagen. Freundlich bedankte ich mich und verschwand wieder, ich hatte noch so einiges vorzubereiten und selbst die etwas unfreundlichere Frau an der Rezeption konnte meine gute Laune oder den überwältigenden Eindruck dieses Krankenhauses nicht schmälern. Sollte sie sich nur die Nägel Pfeilen ich würde derweil meinem Schicksal entgegen eilen.
Hätte ich gewusst wie sehr dies zutreffen sollte, ich hätte anders gehandelt und einiges besser vorbereitet.

Schließlich war es so weit, meine Familie würde bald ankommen und ich erwartete sie bereits im Sofitel Kairo EL Gezirah. Umsichtig hatte ich dafür gesorgt, dass sie oben von einigen Begrüßungs- und Erfrischungsgetränken erwartet würden. Die Lieblingsgetränke meines Vaters und meiner Schwester. Ihn wollte ich beschwichtigen, ihr eine Freude machen und die anderen? Egal. Wir waren in Misr und es gab so viele beeindruckende Hotels voll Ambiente und Flair. Und sie hatten sich dieses hier ausgesucht. Kein Hauch von Ägypten lag in der Luft. Ja die Luft, sie wurde verpestet von diversen Duftspendern die alle 2 m irgendwo befestigt waren und ihren Duft versprühten. Einer Autobahntoilette würdig.
Zuerst sah ich meinen Vater, der mich freudiger begrüßte als ich erwartet hatte. Nach ihm kam meine Mutter die wie üblich etwas zu beanstanden fand, meine Haare, Fusseln auf meiner Weste. Egal was man unternahm, es war falsch. Eigentlich hatte ich mich extra zurecht gemacht, auch ordentlich war ich üblicherweise, Drill meines Vaters, trotzdem reichte es nicht aus um sie zufrieden zustellen.

Meine Brüder sagten nichts, sie waren schwer beschäftigt damit dutzende von Taschen zu schleppen. Als letztes kam meine Schwester. Meine hübsche, wunderbare, große Schwester, ich sah sie nur kurz an, wollte mein Herz nicht verraten, mich nicht offenbaren. Wir begrüßten uns genau so kurz. Während Vater etwas enttäuscht von meiner Bewerbungswahl war und mir vorschlug Arzt beim Militär zu werden sah ich kurz zu meiner Schwester. Als wir beide exakt gleichzeitig mit den Augen rollten musste ich mich schwer zusammen reißen um nicht laut loszulachen.

Oben angekommen entwickelte sich das Gespräch weiter in eine Richtung die mir eher unangenehm schien. Nicht sehr geschickt machte ich die anderen auf die Drinks aufmerksam. Meine Mutter war begeistert, mein Vater verärgert, dass ich ihn die Drinks bezahlen lies. Selbst wenn ich mein Geld benutzt hätte, hätte er die Drinks schlussendlich bezahlt. Solche Albernheiten.

Noch während die anderen abgelenkt und mit den Drinks beschäftigt waren, schnappte ich mein Smartphone und surfte, ich musste dringend Beschäftigung für heute Abend finden, sonst würde ich sterben. Schnell hatte ich Karten für ein Konzert aufgetrieben, in einem Opernhaus. Meine Mutter war wie üblich hellauf begeistert, immerhin ging es nicht um mein Aussehen. Und meine Brüder stimmten in die Anerkennung meines Vaters mit ein. Endlich gerettet. Doch es waren noch gute fünf Stunden, die ich überstehen musste, fünf lange, qualvolle Stundens. „Shoppen“, ertönte eine Stimme, verdattert blickte ich hinüber zu meiner Mutter.

Sie wollte gerne in der Stadt Shoppen gehen und meine Schwester schlug ihr eine Einkaufspassage in der Nähe vor. Was zur Hölle, warum kannte sie sich hier bereits besser aus als ich? Internetversand hat wohl auch seine Nachteile. Auch für mich hatte Armani eine Überraschung vorbereitet. In der Nähe des Einkaufszentrum gab es angeblich ein nettes Kaffee. Manchmal vergaß ich wie findig sie sein konnte und das obwohl man versuchte sie von moderner Technik fern zu halten.
Meine Familie beschäftigte sich kein Stück mit den Traditionen unseres Landes seien es nun Antike oder die des Islam und doch schafften sie es zielsicher jede dumme veraltete zu finden und sie gegen Amani zu verwenden. Ich würde es niemals begreifen. Man sollte alle großen Religionen regelmäßig aktualisieren und Abschnitte die durch veraltete Technologie, Wissenschaft oder soziale Struktur entstanden waren aktualisieren.

Nur kurze Zeit später saß ich mit meiner Schwester alleine im Seatlle-Coffee-House. Wirklich entzückend. Am Eingang hatte es noch den ungastlichen Eindruck eines Starbucks gemacht, aber dann waren wir in den Hof vorgestoßen. Es gab einen großen Innenhof, der zur Hälfte dem Teehaus und zur anderen Hälfte einem chinesischen Restaurant gehörte. Amani wollte gerne einmal chinesisch essen. Mit dieser Örtlichkeit hatte ich nicht gerechnet, aber sie gefiel mir. Im Abschnitt des Teehauses gab es die verschiedensten Sitzgelegenheiten von modern bis traditionell und überall konnte man Leute erblicken die Wasserpfeife rauchten, oder alte Brettspiele spielten. Von beiden Aktivitäten hätte ich definitiv die Brettspiele bevorzugt, ich verabscheute Wasserpfeifen. Jeder Teenager rauchte heute Wasserpfeife und was jeder machte, vor allem im Westen war nichts für mich. Aus Prinzip.

Aber zum Brettspiele spielen kamen wir erst gar nicht. Kaum hatten wir unseren Tee, waren wir schon in ein Gespräch vertieft. Ob der militärischen Tradition meiner Familie ging es leider in eine viel zu militärische Richtung. Was sollte ich tun, überall wurde man von der Armee verfolgt. Entsetzt musste ich zuhören wie Amani mir berichtete sie wäre derzeit ganz alleine zu Hause. Dass sie mich vermisste. Das letzte zerriss mich. Hoffentlich konnte sie es nicht hören, wie meine Seele langsam in kleine Fetzen riss, wie ein Seidenschal über den sich eine Meute Paviane hermachte. Dieser verfluchte Zaid hatte sogar die Kinder mitgenommen. Sie sollten lieber in der Tagesstätte irgendeines Militärstützpunktes von Fremden umsorgt werden, als von ihrer Mutter zu Hause.
Wir hatten uns so lange nicht gesehen, ich wollte nicht, dass sie in Trübsal versank.

Also erzählte ich ihr vom Cleopatras. Ich erzählte ihr, wie ich es gefunden hatte, wie ich mich umgesehen hatte. Von dem netten Personal und der fantastischen Grünanlage. Ich konzentrierte mich auf die gute Laune die ich dabei empfunden hatte und auf die Vorfreude Amani wiederzusehen und ließ es aus mir hervorsprudeln. Schon nach wenigen Minuten hatte ich sie angesteckt und sie vergaß den vermaledeiten Zaid und was er ihr antat. Möge Osiris ihn holen und ihn mit all den Dämonen in der Unterwelt einsperren.
Bald darauf aßen wir, sie bestellte sich 8 Schätze und ich gönnte mir Hummer in Erdnussoße. Normalerweise bevorzugte ich arabisch/ägyptisches Essen und hatte auch einige Kochkurse besucht um mich entsprechend versorgen zu können. Aber wenn ich mal etwas Abwechslung brauchte oder es etwas besonderes sein sollte, dann liebte ich Chinesisch und von allen Gerichten am liebsten den Hummer in Erdnussoße.
Während ich meinen Hummer genoss sah ich immer wieder verstohlen zu meiner Schwester hinüber. Sie wusste, dass ich sie von allen am liebsten mochte, aber ich wollte mich nicht verraten. Ich wollte sie nicht verlieren, unsere Beziehung nicht gefährden. Wenn ich ihr offenbart hätte, was ich wirklich für sie empfand hätte ich sie vielleicht verschreckt und das wäre es dann gewesen.
Lieber heimlich bewundern und in aller Stille ihren Anblick, ihre Anwesenheit genießen als aus der Ferne zu schmachten, während sie floh.
Heimlich saugte ich jede Bewegung von ihr auf, merkte mir wie sie die Gabel zum Mund führte, mit ihren zarten Lippen das Essen abpflückte und dann zufrieden kaute. Ich beobachtete wie ihre Zähne die Beute zermalmten und sie schluckte. Folgte dem Essen ihren Schlanken Hals hinab, bis ich es nicht mehr sehen konnte.
Ich prägte mir ein, wie ihre Haare lagen, jedes einzelne und welche Frisur sie alle gemeinsam bildeten. Ich müsste später nur die Augen schließen und dann könnte ich sie sehen, schärfer als auf jedem Foto.
Huch, was war das für ein Lächeln und das kurze Aufblitzen in ihren Augen, hatte sie mich ertappt?
Schnell verbannte ich alle Gedanken daran, wie sehr es mich danach verlangte sie zu berühren, ihre roten Lippen zu liebkosen, ihren Hals zu berühren ihre Schönheit zu würdigen.

Unsere Zeit war um, etliche Stunden vergangen wie im Flug. Wie sehr ich das Wort „relativ“ hasse. Wir trafen uns mit unserer Mutter und Kamahl und ich geleitete sie noch bis zum Hotel bevor ich mich zu mir nach Hause begab um mich für das Konzert frisch zu machen. So ein Nachmittag in der Sonne schlauchte ganz schön und ich hatte nichteinmal die Einkaufstaschen tragen müssen.

Überpünktlich, wie es sich für Soldaten gehörte, trafen wir uns beim Opernhaus, es schien nicht sehr gut besucht, immerhin konnten wir noch 6 Sitzplätze nebeneinander ergattern. Nicht zentral, aber immerhin.
Zu gerne hätte ich neben Amani gesessen, aber Mutter belegte sie mit Beschlag, ließ ihr nicht einmal die Chance das Konzert zu verfolgen. Irgendeine Art Mutter-Tochter-Gespräch. Auch meine Brüder waren nicht gerade aufmerksam, sie beobachteten die anderen Besucher, einem nach dem anderen. Eine Weile folgte ich ihren Blicken, lies den meinen immer wieder für Sekundenbruchteile auf Amani ruhen. Schlussendlich beschloss ich mich weniger auf meine Familie zu konzentrieren und meine Sinne dem Konzert zu widmen, damit ich später mit meinem Vater darüber sprechen konnte.

Es war noch nicht besonders spät, als wir das Opernhaus wieder verließen, aber dieser Abend wurde für beendet erklärt. Am nächsten Tag um 18 Uhr begann die Abschlussfeier und wir wollten alle ausgeschlafen seien um sie gebührend und lange genug zu genießen. Wir verabredeten uns noch zum Mittagessen, aber danach würden wir uns erst Abends wiedersehen.
Ich erklärte ihnen, dass ich noch einiges vorzubereiten und zu helfen hätte. Eigentlich eine Lüge, die Abschlussfeier hatte alle viel Geld gekostet und einiges an Spenden verzehrt. Niemand musste mithelfen den Winters Palace vorzubereiten. Zumindest nicht für die Feier.
Ich hingegen, wollte noch ein letztes Mal die Stücke auf der Gitarre üben, die ich für meine Schwester vorbereitet hatte. Noch vor zwei Jahren, waren meine Künste nicht der Rede wert, aber neuerdings konnte man zuhören ohne an den Ohren zu erkranken.
Eigens für Amani hatte ich ein Stück ausgewählt und einstudiert, welches zu ihrem Musikgeschmack passte, eine Art Entschuldigung für meine Abwesenheit in den letzten Monaten.
Sie hatte recht, ich hätte sie öfter besuchen sollen.

Bevor die Feier begann und noch bevor mein überpünktlicher Vater auftauchte, kümmerte ich mich darum meine Gitarre an der Rezeption aufzugeben. Dort würde ich sie jederzeit diese Nacht wieder abholen könne. Irgendwann im Laufe der Feierlichkeiten würde ich mich dann mit meiner Schwester auf eines der reservierten Zimmer zurückziehen und ihr mein Geschenk präsentieren.
Ich mochte den Winters Palace, die Angestellten waren freundlich und das Gebäude und die Einrichtung ägyptisch. Ein guter Ort um meiner Schwester ein Lied zu spielen und mich für die Lange Abwesenheit zu entschuldigen.

1745. Meine Familie trifft ein. Vater und Brüder in Anzügen, schlicht, elegant, militärisch. Was zu erwarten war. Von meiner Mutter war ich weniger begeistert, sie sah aus wie einer dieser Weihnachtsbäume mit dem Westerners die Wintersonnenwende feierten. Wie auch immer.
Nur, dieser ganz spezielle Weihnachtsbaum hatte sich offensichtlich in ein Geschäft mit Strass Steinen verirrt, während er zuvor mit Sekundenkleber eingerieben worden war. Amani hingegen trug einen türkisen Kaftan, er war gleichzeitig verspielt und locker aber trotzdem der Örtlichkeit angepasst.
Sie hatte einen ganzen Koffer Kleidung dabei um wählen zu können, ich hatte ihr vorab keine Informationen zur Kleiderordnung gegeben. Ihre Wahl gefiel mir, meine Lieblingsfarbe, nicht zu modern oder westlich, locker aber gleichzeitig atemberaubend. Ihre langen, dunklen Haare trug sie offen. Ich liebte offene, lange Haare, ihren dunklen Heiligenschein, wie die dunklen geheimnisvollen Weiten des Alls, die die Sonne umgaben.
Mein Haar trug ich nur zum Teil offen. Ich hatte mir viele kleinen Strähnen am Kopf entlang geflochten, bis in den Nacken, von wo mir dann der Rest meiner Mähne über den Rücken fiel. Meine Lieblingsfrisur, in der jedesmal mehrere Stunden Arbeit steckten und ein langer Aufenthalt vor dem Spiegel.
Ich selbst trug eine weite schwarze Pluderose, ein Shalwar und ein schwarzes mit türkis besticktes Sherwani .

Nun galt es noch drei Stunden zu überwinden, bis die Band beginnen würde zu spielen und der Teil des Abends begänne, an dem man nicht mehr so viel Reden musste.
Das Buffet war gut und die Gespräche mit meinen Eltern waren auch nicht schlimmer, als die der anderen Eltern mit ihren jeweiligen Kindern.
Die Minuten strichen dahin und dann war es endlich neun. Meine Mutter forderte meinen Vater zum Tanz und meine Brüder setzten sich ab. Meine Schwester und ich unterhielten uns noch eine Weile, bevor ich mir ein Herz fasste und sie zum Tanz aufforderte.

Mit einem freundlich überraschten Lächeln auf den Wangen entsprach sie meinem Wunsch und ließ sich von mir auf die Tanzfläche führen. Am liebsten hätte ich die Zeit angehalten mir einen Block und Stifte geschnappt und diese Szene verewigt. Die ägyptische Kleidung, ihr wunderbarer Kaftan, der ihre Schönheit noch betonte und ein bezauberndes Lächeln.
So musste ich mir den Anblick einfach merken. Ein wunderbares Bild, ein wunderbares Stück Erinnerung.
Ich genoss zwei Tänze mit ihr, bevor ich mich kurz absetzte und schlich zur Band um ein Lied zu bestellen.
Nach einigen weiteren Tänzen wurde es dann gespielt. Amanis Gesicht erstrahlte wie die aufgehende Sonne. Sie wusste sofort, wo ich eben gewesen war und belohnte meine Mühen mit einem Lächeln, das selbst das Herz des eisigsten Tyrannen erweicht hätte. Mir war als tanzte ich mit einer der alten Göttinnen, ich konnte sie kaum ansehen, denn die Sonnenscheibe war ihre Krone.

Es ist gut, dass ich von außen immer ruhiger wirkte als ich es wirklich war. Wie oft schon hatte ich eine Prüfung erlebt, in der ich dachte ich würde beben, wie Espenlaub, ich hätte einen hoch roten Tomatenkopf, nur um am Ende festzustellen, dass es niemand außer mir bemerkt hatte.
Dies war einer dieser Momente. Ich glaube ich hätte nicht aufgewühlter, nicht glücklicher seien können. Mir war als wäre ich im Himmel und würde mit meiner persönlichen Göttin durch die Sterne, über Nuts Leib tanzen.
Der einzige Mensch, der etwas davon ahnen konnte, wie es in mir aussah war Amani selbst. Während eines jeden Tanzes, sahen wir uns tief in die Augen, der Rest der Welt existierte nicht. Es gab nur Amani, unsere Augen und mich. Ich hätte nicht einmal hereinstürmende Polizisten mit ihren Schnellfeuergewehren bemerkt.
Und tief in meinen Augen, konnte sie meine Seele, mein Herz sehen. Konnte sehen, dass ich es ihr vor Jahren schon geschenkt hatte und es niemals wieder haben wollte. Sie war mein Morgen- und mein Abendstern, der Anfang und das Ende meiner Welt. Alles was ich wollte, war zu Wissen, ob ihr Herz vielleicht bei mir verweilte?

Schüchtern eröffnete sie mir, dass sie gerne mal eine echte Disko besuchen würde, weil sie noch nie das wahre Nachtleben Misr’s genossen hatte. Ich war schon ziemlich erschöpft, also zogen wir uns zunächst zurück an unseren Tisch um dort etwas zu trinken und eine kleine Stärkung einzunehmen.
Ich stürzte mich nicht oft in Misr’s Nachtleben und hatte auch nur selten an den Studentenpartys teilgenommen. Also überlegte ich einen Moment ob ich einen passenden Ort fände, bevor ich einwilligte.
Allerdings wollte ich erst noch eine Weile hier bleiben, damit sich niemand um uns sorgte. Etwa 2 Stunden später hielt ich es nicht mehr länger aus. Ich hatte gehofft vorher noch einmal mit unseren Eltern zu sprechen, aber sie waren derart von Tanzwut ergriffen, dass ich sie nicht noch einmal zu Gesicht bekam.

Amani und ich verließen den Winters Palace und nahmen ein Taxi zum []. Unterwegs schrieb ich meinem Vater und Kamahl noch eine SMS, dass Amani bei mir war, ich ihr die Stadt bei Nacht zeigen würde und sie sich keine Sorgen machen müssten.

Wir hatten uns kaum in die Warteschlange eingereiht, als wir auch schon nach vorne gewunken und eingelassen wurden. Ich war also nicht der einzige, der Amani einfach umwerfend fand.
Im Eintrittspreis inbegriffen waren zwei Bier, nicht gerade mein Lieblingsgetränk, ich trank niemals Bier wenn ich nicht musste. Aber Nachtleben war Nachtleben und ich holte uns schonmal zwei Bier, die wir trinken konnten, während wir uns auf die Musik einstimmten und ich mich seelisch darauf vorbereitete bis an den Rand der Erschöpfung zu tanzen.
So schnell würde Amani nicht aufgeben.

Ihrem Gesicht konnte ich entnehmen, dass auch sie kein Bierfan war. Verlegen murmelte ich irgendwas davon, das ein kaltes Bier nach einem warmen anstrengendem Tag gar nicht so schlecht wäre. Keiner von uns trank aus, bevor wir uns auf die Tanzfläche stürzten.
Amani brauchte einen Augenblick um aufzutauen. Es sollte ihr nicht unangenehm seien, also begann ich zu tanzen, tanzte sie an und bezog sie in meinen Tanz mit ein.
Ermutigt begann auch sie ihren Körper zum Klang der Musik hin und her zu wiegen. Immer im Rhythmus wurde sie schneller und schneller, bis wir völlig in der Musik versunken waren und die Welt um uns verblasste.
Später, ich wusste nicht ob es Minuten oder Stunden waren, ich war völlig außer Atem, geschafft wie nach einem Marathonlauf legten wir eine Pause ein. Sie wollte noch etwas trinken, aber nicht noch ein Bier. So schlimm war es auch wieder nicht. Ich gab ihr meine Eintrittskarte und nur wenig später, erschien sie mit zwei Cocktails in ihren Händen, verschmitzt lächelnd.
Den Gutschein für ein Bier gegen einen Cocktail eintauschen? Nicht schlecht.
Wir genossen die fruchtig, süßen Getränke bevor wir uns wieder der Musik hingaben.

Ich hielt es nicht länger aus, konnte mich nicht länger zurückhalten. Ich liebte sie, mit jeder Faser meines Seins, jedem Fetzen meiner Seele. Ich wollte ihr nahe sein, sie berühren, in ihre Augen sehen und träumen. Stundenlang hätte ich dem klang ihrer Stimme lauschen können, als wäre es die wunderbarste Musik die jemals komponiert worden wäre. Stundenlang hätte ich ihr beim Tanzen zusehen können, jede ihrer Bewegungen war ein Kunstwerk und hätte es verdient im Culturewheel ausgestellt zu werden.
Ich tanzte mit ihr. Ich rückte ihr näher und näher, wir streiften uns, hier und da. Öfter, länger. Jedes mal wenn es geschah, war es als Griff ich nach einer Hochspannungsleitung. Sie war elektrisierend. Jede Berührung gab mir neue Kraft, erfüllte mich mit Leben. Ich war unbesiegbar, hätte es alleine mit Mubarak und allen seinen Anhängern aufnehmen können.
Wir hätten ewig weiter tanzen können, unsere Bewegungen ergänzten einander und auch sie wurde lebhafter, erfrischt von unserem Zusammenspiel.

Ich weiß nicht mehr wann oder warum wir stoppten. Kann mich nicht einmal erinnern wie wir die Disko verließen, aber dann saßen wir in einem Taxi.
Wir fuhren zum Winters Palace, aber Amani wollte nicht nach Hause, zu unseren Eltern ins Hotel.
Ich war mir nicht ganz sicher warum? Aber manchmal sollte man sein Glück nicht hinterfragen sondern es einfach als Gottesgeschenk hinnehmen.

Ich ließ den Fahrer etwas abseits halten, schlich mich an und stellte fest, dass niemand mehr da war. Zumindest keine Verwandten. Schnell hinein, zur Rezeption und schon schlüpfte ich wieder hinaus und versteckte die Gitarre im Kofferraum ohne, dass Amani sie erblickte. Dann fuhren wir weiter zu mir. Ein wenig Backsheesh verleitete den Fahrer dazu mit meiner Gitarre im Kofferraum zu warten, bis ich Amani nach oben gebracht hatte. Dann holte ich das Instrument nach oben, wieder darauf bedacht, sie es nicht zu früh sehen zu lassen.
Sie hatte mich noch nie spielen gehört und das Geschenk würde um so besser wirken, wenn sie es nicht kommen sah.

An meiner Couch angekommen, bat ich sie darum sich niederzulassen und noch um einen kleinen Moment Geduld. Während sie gespannt wie ein flitzebogen oder eine Katze die gleich ihr Futter bekäme abwartete und mich neugierig beäugte, rollte ich meinen Schreibtischstuhl aus meinem winzigen Arbeitszimmerchen ins Wohnzimmer, positionierte es ihr gegenüber. Gleich danach baute ich die Fußbank auf und war mir sicher, dass sie dank der Dunkelheit noch immer keinen Schimmer hatte, was ich geplant hatte.

Dann kam der Moment der Enthüllung. Vom Flur her konnte Amani einen Reisverschluss hören, als ich die Gitarre aus ihrer Tasche holte, dann meine Schritte als ich zum Stuhl flitzte.
Ich musste mich beeilen anzufangen, selbst im Dunkeln, nur vom Sternenlicht erhellt, konnte man die unverkennbare Form meiner Gitarre erkennen. Sie war pechschwarz, so wie ich es gerne mochte aber der Lack glänzte verräterisch im Mondlicht, genau wie die drei Drahtseiten.
Dann begann ich zu spielen. Licht brauchte ich nicht. Griffe und auch die zupfenden Handbewegungen, ich spielte klassische Gitarre, musste man sowieso auswendig können. Dazu noch ein paar Noten? Nichts im Vergleich zu all den lateinischen Knochen-, Muskel-, Nervennamen die mein Gehirn verunreinigten.
Zu Beginn zitterten meine Hände wie verrückt. Ich hatte noch nie vor Publikum gespielt und es gab nur ein Publikum, das mich wirklich interessierte. Amani. Hoffentlich würde es ihr Gefallen.

Während die ersten Noten erklangen wurde ich sicherer und hörte auf zu zittern. Ich spielte schon seit Jahren und hatte so viel für diesen Moment geübt, es würde nicht schief gehen.
An ihren in der Finsternis Funkelnden Augen konnte ich erkennen, dass es ihr gefiel. Der letzte Ton war noch nicht verklungen, da sah sie mich schon mit einem verträumten Blick an und bat um ein weiteres Lied. Wie hätte ich es ihr abschlagen können?
Das erste Lied, hatte ich eigens für sie ausgewählt und geübt, dumm von mir nicht noch mehr vorzubereiten. Ohne meine fehlende Umsicht zu offenbaren begann ich einfach eines meiner Lieblingslieder zu spielen. Es handelte von einem Kater namens Mephisto, der seinen „Dosenöffner“ des Nachts durch sein Getappse vom Schlafen abhielt.

Danach lies ich mich neben ihr auf der Couch nieder, wir unterhielten uns es war wie verzaubert. Wir mussten nur den Mund aufmachen und wenige Worte später schon wusste ein jeder wie der Satz enden würde, was der andere darauf erwidern würde und was danach käme. Unsere Gedanken waren eins, verbunden, im Gleichklang. Beinahe wie Zwillinge.

Sie war verwundert, dass sie mich noch nie spielen hatte hören und ich berichtete ihr von meinem Plan es aufzusparen für diesen einen Moment. Sie wollte die Hornhaut an meiner linken Hand fühlen, von der ich ihr erzählte und ergriff sie. Zentausend Volt durchschossen mich abermals, als ihre seidenweiche Haut meine Hand berührte. Sie spreizte meine Finger und betastete sie einzeln mit den ihren auf der Suche nach der Hornhaut. Die Zeit blieb stehen, jeder Milimeter den sie sich weiterbewegte wurde zu einer Meile. Wo ihre Finger mich eben noch berührt hatte kribbelte es vor Aufregung in den Genuss dieser Erfahrung gekommen zu sein, während sich die vor ihr liegende Haut anspannte und ihre Berührung erwartete, von Vorfreude entzückt.
Dann fuhr ich mit meiner Hand ihren Arm hinauf, bis ich ihre Schultern erreichte. Dort wendete ich meine Hand um mit meinem Handrücken und den Fingern ihren Hals zu berühren und anschließend ihre Wange zu streicheln.

Ich schmiegte mich an sie um ihr näher zu sein, genoss ihre Wärme und spürte wie verlockend weich sie war. Ich atmete langsam und ruhig, wie im Tiefschlaf und sog mit jedem Atemzug ihren Duft in ein. Nie wieder wollte ich andere Luft atmen. Jedes ihrer geflüsterten Worte erfüllte meinen Verstand, wie der Gesang der Chöre einen Tempel. Sie zog meinen Kopf auf ihren Schoß und fuhr mit ihrer Hand durch meine Haare. Am Kopf, im geflochtenen Abschnitt ziepte es und schmerzte ein wenig, aber gleichzeitig schmolz ich dahin unter ihrer Berührung. Mit ihren Fingern in meinem Nacken hätte ich am liebsten laut geschnurrt, wie ein schwarzer Kater. Wenn man verliebt war, sagte man manchmal man hätte Flugzeuge oder Schmetterlinge im Bauch. Mir wären Schmetterlinge lieb gewesen, ich glaube sie waren behutsamer. Aber von Schmetterlingen im Bauch war ich weit entfernt, ein ganzer Flughafen wirbelte durch meinen Bauch, mit Transportfahrzeugen, Fluglotsen, Kontrolltürmen und allem was sonst noch so dazu gehörte.

Dann wurde sie unruhig? Was war geschehen, warum hörte sie auf? Sicher konnte sie den Flughafen nicht gehört haben. Bis in alle Ewigkeit sollten sich diese Momente erstrecken, bis in alle Ewigkeit wollte ich bei meiner Schwester sein, bei Amani, all meinen Wünschen sein. Sie suchte mein Bett und wollte sich umziehen, ausruhen.
Ich offenbarte ihr das Geheimnis meiner sündhaft teuren Couch, Vater hatte sie bezahlt und transformierte sie in ein einladendes, weiches Bett für zwei Personen.
Selbst in der Finsternis war offensichtlich, niemand hatte jemals die zweite Hälfte benutzt. Gestern noch hatte sie mich nach einer Freundin gefragt, aber in meinem Leben gab es nur eine Frau.
Noch während ich alles bespannte und ordentlich zurecht legte verschwand sie im Bad.
Als sie zurückkehrte stockte mir abermals der Atem. Nur in ein Laken gehüllt trat sie wieder an die Couch, die jetzt ein bequemes Bett war. So musste Cleopatra ausgesehen haben, als sie dem Teppich entstieg und Caesar verführte.

Ob das Bett wirklich bequem war, wollte sie Wissen. ICh würde es ihr schon beweisen. Ich stellte mich vor sie und drängte sie bis an die Kante des Bettes, Milimeter für Milimeter. Wir standen so dicht voreinander wie noch nie. Ich konnte ihren Atem spüren, auf meinem Hals, auf meinem Kinn, im Gesicht. Süßer duftend als die köstlichste Blüte, ihre Lippen einladender als das himmlischste Obst. Mit einem frechen Grinsen im Gesicht, stieß ich sie behutsam an, sodass sie sich nach hinten auf das Bett fallen lassen musste.
Mit gespieler Empörung zog sie auch mich herab bis wir nebeneinander lagen und uns ansahen. Ein jeder verlor sich erneut in den Augen des anderen.
Dann gab sie mir einen Gute-Nacht-Kuss, mit gespitzten Lippen auf meinen Mund. Ich erstarrte, konnte mich nicht mehr bewegen wie eine Maus, im Blick einer Kobra gefangen. Einen winzig kleinen Moment zu lange verweilten ihre Lippen auf den meinen. Dann zog sie sich wieder zurück. Sie hatte mir das kostbarste Geschenk gemacht, welches ich jemals empfangen hatte, kostbarer als die ersten Sonnenstrahlen eines jeden Tages, kostbarer gar als das Leben selbst.

Ich stützte mich ab, und bewegte mich erneut langsam auf sie zu. Meine Lippen zu ihren Lippen. Wir berührten uns erneut, sie war so weich, so köstlich, ich war mir sicher ich könnte allein von ihren Küssen leben. Behutsam öffnete ich den Mund, nahm ihre Unterlippe zwischen die meinen und knabberte zärtlich an ihr. Sie erwiderte den Kuss, der eine weitere Ewigkeit andauerte bevor wir uns abermals trennten und ansahen. Ich streckte meinen rechten Arm aus, bis meine Hand wieder bei ihr war. Diesmal fuhr ich ihr durch die Haare, die langen dunklen, massierte ihr den Nacken, den Rücken.
Bis sie meine Hand ergriff und sie sich auf die linke Brust legte, ich sollte ihren Herzschlag spüren können. Es raste, schlug fast noch schneller als das meine. Es war als wollten unsere Herzen ausbrechen, hervorspringen und zum jeweils anderen gelangen um für immer dort zu verweilen.
Ich zog sie zu mir, ihren Rücken an meiner Brust, ihr Kopf an meinem Hals, meine Nase in ihrem Haar. Meine rechte Hand ruhte noch immer auf ihrem Herzen, während ihr mein linker Arm als Kopfkissen diente und ich sie eng umschlungen fest hielt.
Selig schliefen wir ein, Amani in meinen Armen. Auf der ganzen Welt konnte es nichts schöneres geben als diesen Moment. Jeden weiteren Morgen meines Lebens würde ich gerne so aufwachen wie es morgen geschehen würde.

Dachte ich zumindest während des einschlafen. Heute weiß ich, wenn es eine Hölle gäbe, dann würde ich dort jeden Tag so erwachen wie ich es am nächsten Mittag tat.

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