Mummy: Prelude, Part II

Flüssiges Gehirn

Von einem lauten Hämmern wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Eine Melodie, auch mein Handy klingelte. Jemand polterte gegen meine Wohnungstür, als wollte er sie zertrümmern. Neben mir lag Amani, nur gehüllt in ein Laken. Ich trug noch immer die gleichen Klamotten wie am Abend, zerknittert und verschwitzt.
Gleich würde die Tür zersplittern.
Ich verließ vrsichtig das Bett, deckte Amani sorgfältig zu und noch während ich begann mit meinem Vater zu telefonieren machte ich mich auf den Weg um meine Tür vor ihrem Untergang zu bewahren und Kamahl einzulassen. Zumindest entnahm ich den Äußerungen meines Vaters, dass er es war, der gleich meine Wohnung zerstören würde.
Wäre ich schlauer gewesen, hätte ich meinen Vater abgewimmelt und die Tür verstärkt statt sie zu öffnen. Aber ich tat wie mir geheißen und lies meinen Bruder ein, eine tobende Bestie die gleich an mir vorbei ins Wohnzimmer stürzte.

Ich versuchte ihn aufzuhalten, mich in den Weg zu stellen, aber genauso gut konnte man versuchen eine Gnuherde mit Flatterband aufzuhalten.
Kamahl brüllte irgendetwas, als er meine Schwester sah, die sich gerade nur in ein Bettlaken gehüllt erhob.
Ich verstand nicht viel, aber das eine Wort welches ich hörte reichte schon, „Hure“. Hätte ich ein Messer in der Nähe gehabt, Kamahl wäre jetzt tot.
Noch bevor ich über das fehlende Messer nachdenken konnte, hatte sich meine Hand zu einer Faust geballt und war ihm ins Gesicht geschnellt.
Der Schmerz des Aufschlags war mir sicherlich ebenso deutlich ins Gesicht geschrieben wie ihm die Überraschung, was sein kleiner verweichlichter Bruder da eben getan hatte.
Plötzlich explodierte er und versuchte mich zu erwischen, mir den Angriff heimzuzahlen. Aber gestärkt von dem Abend mit Amani wich ich ihm aus, ohne dass er mir ein Haar krümmte. Der Buchrücken irgendeines Medizinbuches, deutlich stabiler als seine Hand, überzeugte ihn davon sich doch ein wenig zu beruhigen.

Amani hatte sich davon geschlichen und als sie das Badezimmer verlies wurde sie unsanft gepackt und nach draußen gerissen. Ich konnte nichts tun um sie zu schützen und brach einfach nur verzweifelt zusammen.

Später stand mein Vater bei mir auf der Schwelle, er erklärte mir, dass ganze wäre nicht zu leugnen ich solle es gar nicht versuchen. Meine zerknitterten und verschwitzten Klamotten interessierten offenbar niemanden, und dass ich keine zwei getrennten Betten besaß auch nicht. Schade. Ich sollte nie wieder nach Alexandria kommen, würde meine Schwester nie wieder sehen und wäre nicht mehr sein Sohn. Allerdings wollte er auch keine große Geschichte aus dem ganzen machen um die Familie nicht schlecht dastehen zu lassen. Zaid würde es aber erfahren und was er dann unternahm war seine Sache.
Als ob irgendetwas jetzt noch eine Rolle spielte. Nie wieder. Ich würde sie nie wieder sehen.
Ich war praktisch schon tot. Was sollte man mir jetzt schon noch antun.

Kaum hatte mein Vater die Wohnung wieder verlassen, führte ich mich auf wie Kamahl wenige Stunden zuvor. Regale wurden von den Wänden gerissen und Bücher flogen durch das Zimmer bis es ausreichend verwüstet war um den Zustand meiner Seele wieder zuspiegeln.
Mit blutigen Händen und Sehnen die sich anfühlten wie aus einem Legobausatz schlurfte ich die Straßen hinab zum Nil.
Es war nicht weit. Auf der erstbesten Brücke lies ich mich nieder und starrte hinab in die trüben Fluten. Einst hatten sie Khem dem schwarzen Land das Leben gebracht, mir brachten sie das Vergessen.
Kleine Steinchen und in tausend Stückchen zerrissene mit Blut beschmierte Gräser wurden fortgespült, so wie meine Träume fortgespült worden waren.
Ich saß den ganzen Tag in der Sonne und mein Zustand besserte sich nicht.
Ich hungerte, ich dürstete und meine Haut färbte sich rot und verbrannte.
Niemand würdigte mich eines Blickes, in Misr gab es viele Obdachlose, aber eigentlich nicht hier.
Dann wurde es Nacht.

Die Sonne verschwand. Schon lange wuchsen keine Pflanzen mehr in der Nähe, die ich hätte zerstören und dem Nil überantworten können. Es wurde kalt.
Ich fror, aber gleichzeitig war mir heiß. Sonnebrand zumindest, vielleicht noch ein Hitzschlag.
Ich begann zu zittern und stand auf. Keine Kopfschmerzen, keine Probleme damit mich zu bewegen gut, nichts sonst.
Dann rannte ich. Ich rannte einfach los, irgendwohin, immer der Nase nach. Rannte weg vor meinem Leben.
Als ich nicht mehr konnte, rannte ich weiter.
Als jeder Muskel meines Körpers nur noch Schmerz war rannte ich weiter.
Ohne Amani gab es keinen Ort an dem ich sein wollte.
Bevor ich zusammenbrach stand ich am Fuße des Hauses in welchem sich meine Wohnung befand.
Jede Stufe der Treppen war eine einzige Qual. Die Dusche schien Meilen entfernt.

Dann schlief ich. Endlich konnte ich alles vergessen.
Ein Irrtum.
Selbst der Schlaf segnete mich nicht mit Vergessen. Immer wieder musste ich erleben wie Amani mir entrissen wurde, wie mein Lebenswille mit ihr fortging.
Schweißgebadet erwachte ich am nächsten Morgen.
Wieder klingelte das Telefon.
Ich wusste es, ich war in der Duat, gefangen bei all den Ifriti über die Osiris wachte und sie peinigten mich, labten sich an meinem Schmerz.
Es war keine Wiederholung.
Es war Ms. Haseem, sie teilte mir mit ich hätte um 11 Uhr ein Bewerbungsgespräch bei Prof. Dr. Alkakhi.
Ich wollte doch nur vergessen, nichts sein, zu nichts werden, am besten Ammut verschlänge mich.
Ein Bewerbungsgespräch in Ordnung. Ich sagte zu, stand auf duschte, versorgte meine Hände und meinen Sonnenbrand.
Anziehen, Frühstück, vor ein paar Tagen noch hatte ich mich auf das Bewerbungsgespräch vorbereiten wollen. Heute ging ich einfach hin. Alles war egal. Kein Arzt, kein Geld, irgendwann keiine Wohnung mehr und danach kein Melekh mehr. Wozu auch, es gab keine Amani mehr.

Freundlich wie eh und je wurde ich von Hala begrüßt. Ich stülpte eine Maske über das Häfchen Elend über das Nichts, welches ich war und reagierte höflich und nett.
Der Professor war verwundert, als ich einen Tee in seinem Büro bekam und er noch keinen hatte.
Wie mechanisch gingen wir die verschiedenen Fragen eines Bewerbungsgespräches durch. Er fragte und in seinen Fragen schon offenbarte er mir welche Antworten ich geben müsste. Bitte.
Ich antwortete wie von mir verlangt und bekam den Job, prima.
Im Angebot gab es gleich dazu einen Platz im Wohnheim des Cleopatras, Alkakhi war zwar verwundert, dass ich el-Gezirah gegen ein Studentenwohnheim tauschen wollte, aber ich wusste nicht wie lange noch Geld von meinem Vater fließen würde und wie sollte ich mein praktisches Jahr hinter mich bringen ohne Zimmer zum schlafen?
In zwei Wochen würde es losgehen.

Irgendwann in der Zwischenzeit fand ich zumindest einen Funken Lebenswillen wieder. Amani war weg, für immer, aber ich konnte ihr immer noch helfen.
Wenn Zaid vorbeikam um sich zu rächen und mit mir Schluss zu machen, würde ich der Welt offenbaren was für ein schlechter Mensch er war und meine Schwester dadurch hoffentlich von ihm befreien.
Amani schrieb mir jetzt jeden Mittwoch, wenn sie in der Koranschule war eine SMS. Irgendwie hatte sie ein Handy ergattert, sie war schlauer als alle anderen ihr zutrauten. Ich nutzte die Gelegenheit mit ihr zu kommunizieren, aber übertrieb es nicht. Behielt einen Großteil meiner Gedanken für mich. Bereitete ich doch mein nächstes Geschenk an sie vor und ich wollte nicht, dass es noch schwerer für sie wurde.

Ich gab viel Geld für eine Überwachungskamera aus, die ich in meiner Wohnung installierte und später auch in meinem neuen Wohnheimplatz, bevor ich sie mit dem ersten Gehalt durch eine bessere Ersetzte. Außerdem ging ich dazu über immer ein Diktiergerät und eine Kamera am Körper zu tragen, sicher war sicher.
Ich würde nicht um sonst sterben.

Der Umzug ins Wohnheim gestaltete sich, dank einer Umzugsfirma und einem freundlichen Hausmeister nicht zu schwieirg. Naja, die vielen Treppen schlauchten mich ganz schön, aber dafür lernte ich neue Menschen kennen.
Unter anderem Octan, einen Computernerd, der hellauf begeistert war von meinem Überwachungswahn und mir half mein neues Sicherheitsgedönse so zu programmieren, dass entsprechende Aufzeichnungen an namhafte Zeitungen und Sender gesendet würden, sollten ich oder er den Totmannschalter der Überwachungsanlagen einmal nicht betätigen.

Ich arbeite, wurde immer besser im Deuten kryptischer Bilder des Tomographen über die Kopfinhalte der Patienten.
Am Anfang hatte es Probleme gegeben, vor allem mit dem restlichen Personal. Aber als sie erkannten, dass ich nichts Tat als meine Arbeit zuverlässig zu verrichten und jeden ihrer dämliche Botengänge zu übernehmen begannen sie mich zu mögen.
Warum sollte ich auch nicht? Ich wartete auf meinen Tod, auf die Freiheit, warum sollte ich mich mit ihnen herum ärgern?

In einem Zwischengespräch in dem er meine Arbeit lobte und ich ihm nocheinmal vorkaute was er von mir zu hören erwartete machte er mir ein Praktikum in Uganda schmackhaft. Natürlich sagte ich zu, was sollte ich auch sonst machen? Gleichzeitig entsprach ich damit Amanis Flehen ich möge mich doch verstecken Zaid käme bald zurück. Verstecken? Wie sollte er mich den Töten, wenn ich mich versteckte? Wie sollte ich denn dann Amani befreien?
Ich würde nur 6 Wochen fort seien, danach gäbe es noch genug Zeit zu sterben.
Wieder einer dieser Irrtümer, die mich an den Punkt brachten wo ich heute bin.

Also flog ich nach Entebbe, von wo ich weiter zum Pro-Life-Hospital irgendwo im Hinterland gefahren würde. Das ganze war ein Projekt von Adana Pharmazeutics um das Los der einfachen Bevölkerung zu mindern.
Am Flughafen wurde ich von Schwester Gabriele abgeholt, einer gebürtigen Afrikanerin, die genauso hoch wie breit war. Mein Willkommensgeschenk aus dem Duty-Free Shop erfreute sie und sie quasselte mich die ganze mehrstündige Fahrt bis zum Krankenhaus zu. Ich konnte mir nichtmal die Hälfte merken. Der Flug war schon anstrengend genug gewesen, aber das Wetter hier, die Hohe Luftfeuchtigkeit gab mir den Rest.
6 Wochen bis ich wieder in Misr war, 6 Wochen bis ich sterben würde. Nicht mehr lange musste ich durchhalten und dann hätte ich es geschafft.
6 Wochen bis du frei bist, Amani.

Die Klinik war winzig, es gab gerade mal 36 Betten und auch sonst war sie eher mäßig beeindruckend.
Mir wurden die anderen Schwestern und Doktor Kramer, aus der Schweiz vorgestellt. Ich hatte seine Artikel gelesen und mich auf den Aufenthalt vorbereitet um nicht wie ein Esel auszusehen während ich darauf wartete geschlachtet zu werden. Ob ich ihn damit beeindruckte, ich weiß es nicht, wahrscheinlich ungefähr so sehr wie mich die mangelnde Ausrüstung und Einrichtung des Krankenhauses, ob es überhaupt das richtige Wort war, beeindruckte.
Ich musste mich erstmal hinlegen und ausruhen. Eigentlich brauchte ich eine Dusche, aber die gab es hier wohl nur in der improvisierten Leichenhalle und mir wurde deutlichst abgeraten. Also ging es ungewaschen ins Bett um am nächsten Morgen in aller Frühe mit der Arbeit zu beginnen.

Handwäsche und seltsame aber gut schmeckende Fladenbrote gab es zum Frühstück. Dann lies ich mich direkt zu den Patienten führen.
Eine ganze Reihe von Kindern mit ihren Eltern erwartete mich, Kramer war noch anderweitig beschäftigt.
Das Krankenhaus wurde wohl doch besser besucht als ich es mir vorgestellt hatte, oder die Umstände waren schlechter als erwartet.
Ich konnte nichteinmal alle Kinder, bei denen es nötig gewesen wäre, in einem Krankenbett unterbringen.
Die Behandlung war schwieriger als erwartet, nicht nur, dass ich mit keinem der Patienten sprechen konnte und immer auf Schwester Nyotas Hilfe zur Übersetzung ins Englische angewiesen war. Alle Kinder litten unter irgendwelchen seltsamen Symptomen, denen ich nicht so recht etwas abgewinnen konnte. Fest stand für mich nur, dass es etwas neuronales war, aber an sonsten war ich genauso ratlos wie Dr. Kramer. Der Schweizer musste mir hier und da zur Hand gehen, ich war unerfahren als Arzt für alles und auch heute war sein Verhalten wieder überaus neutral.

Nachdem alle akuten Fälle versorgt waren, schnappte ich mir meinen Pdf-Reader um in den Büchern zu recherschieren, die ich „eingepackt“ hatte, tippte Berichte in meinen Laptop und versuchte mir per SMS und Octans Hilfe Internet zu organisieren. Ohne globale und schnelle Informationen würde nie jemand dahinter kommen, was die Dorfbevölkerung der drei kleinen umliegenden Dörfer plagte.

Am nächsten Morgen waren alle tot. Ausnahmslos. Ich, der ich auf den Tod wartete, der nicht mehr Leben wollte, hatte versucht den Kindern zu helfen. Aber sie waren alle Tod und ich musste noch mindestens 5 Wochen und 5 Tage ausharren. Das Leben konnte so ungerecht seien.
Ich begleitete eine der Schwestern in die Dörfer um den Eltern, des Kindes, welches wir nicht hatten aufnehmen können, zu verkünden das es bald auch sterben würde. Aber ich konnte nicht mit ihnen sprechen. Die Schwester sah mich nur völlig fassunglos an, so war das Leben meine liebe, was sollte ich denn sagen? Bevor sie die Aufgabe an den örtlichen Medizinmann abwälste und wir das Dorf wieder verließen.
In der Klinik berut ich mich mit dem Schweizer, aus dem ich noch immer nicht schlau wurde.
Er schlug eine Obduktion vor. Hätte mich ernsthaft interessiert, was hier geschah, hätte ich sie vorgeschlagen. So hörte ich mir seine ratlosigkeit an, seine Bedenken und meinte nur, wir sollen den Jungen nehmen, der gestern seinen Kopf gegen die Wand geschlagen hatte, ein Kopfverband bei ihm würde kaum Verdacht erregen.

In dem nach Tod stinkendem Leichenlagerhaus machten wir uns an die Arbeit. Ich hatte noch nie wirklich ein Gehirn entnommen und so assistierte ich Kramer. Wir hätten es vielleicht einfach absaugen sollen. Als sich der Schädel nach anstrengenden Sägearbeiten schließlich öffnete floss uns der Inhalt schon entgegen. Ich bemühte mich möglichst viel aufzufangen, mit der Nierenschale die ich hielt, aber es ging auch einiges daneben. Flüssiges Gehirn verunreinigte nicht nur meine Handschuhe. Schnell in einen Plastikbeutel und dann in den Gefrierschrank damit. Kramer sicherte die Proben, während ich die Leiche wieder herrichtete und unsere Tätigkeit versteckte.

Bevor ich mich später zurückzog, eröffnete Kramer mir, dass ich über Luxor nach Helsinki fliegen würde, um die Proben in ein ordentliches Labor zu bringen. Mein Kontakt dort würde eine gewisse Dr. Irina Alefuzoff sein, die dem European Brain Network angehörte.
Vor einer Woche noch wäre ich Feuer und Flamme gewesen, aber jetzt war mir alles egal. Ich ließ die anderen meine Gefühle für Amani und meine Verwzeiflung sehen, damit sie mich nicht für einen gefühlslosen Psychopaten hielten den verflüssigte Gehirne kleiner Kinder nicht interessierten.
Aber so war es nunmal. Ich konnte sowieso nichts machen, ich konnte nur sterben.

Der Flug nach Luxor war genauso anstrengend wie der Flug nach Entebbe. Völlig fertig checkte ich in meinem Hotel ein, sicherte die Proben, torkelte unter die Dusche und ließ mich danach erschöpft auf das Bett fallen.
Hier hätte ich stutzig werden müssen, einen kurzen Moment dachte ich über meine verminderten motorischen Fähigkeiten nach. Dann schob ich sie auf die Hitze und schlief ein. Tatsächlich hatten sie mit dem sich verflüssigendem Gehirn in meinem Schädel zu tun.

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