Mummy: Prelude, Part III

Als Aminte Wiedergeboren

Als ich erwachte, ging es mir besser. Ich fühlte mich leicht, beschwingt und sah mich zunächst erst einmal um. Bei meinem eigenen Anblick erschrak ich, denn ich lag noch immer in einem völlig zerwühlten Bett. Ich sah noch einmal an mir herunter. Kein Zweifel, hier stand ich und sah mir beim Schlafen zu.
Eine außerkörperliche Erfahrung, die ich vielleicht in meinem Buch über ägyptische Mythologie verwenden könnte. Schlief ich wirklich? Irgend etwas stimmte hier nicht. Ich erinnerte mich wieder, mir war komisch gewesen. Es war schwieriger gewesen zu duschen und danach ins Bett zu gelangen, als es hätte seien sollen. Motorische Probleme. Probleme mit dem Nervensystem.
Flüssige Gehirne.

Bevor ich untersuchen konnte ob ich noch atmete und schlief oder doch schon tot war, bemerkte ich sie. Eine beeindruckende Frau, die mit mir im Zimmer stand und mich anstarrte.
Sie war halb nackt, trug Kleidung und Schmuck einer Königin, nein, einer Pharaonin und übertraf dabei alle Schauspielerinnen, die jemals eine Pharaonin dargestellt hatten.
Ich sei tot, sagte sie mir. Tot. Gestorben. Fassungslos blickte ich sie an, blickte meinen Leichnam an. Natürlich, tot, flüssiges Gehirn.
Ich faselte etwas davon, dass es so nicht sein durfte. Ich hatte gewartet auf den Tod, war darauf eingestellt gewesen zu sterben. Jeden Tag hatte ich mit dem Tod gerechnet und dabei völlig außer acht gelassen, dass Zaid irgendwo stationiert war und erst in ein paar Wochen von der Geschichte erfahren würde.

Alles war umsonst gewesen.
Aber Bint-Anat bot mir an, mir zu helfen, mich zu unterstützen, gemeinsam alles in Ordnung zu bringen. Mit Tränen in den Augen wendete ich mich ab von meinem Leichnam, kehrte meinem alten Ich den Rücken zu.
Schluchzend brach ich vor der Pharaonin zusammen. Alles war zwecklos gewesen, ich war tot und ich hatte Amani nicht aus der Knechtschaft befreit.
Ich streckte die Hände nach ihr aus wie ein Bettler, der um sein Leben flehte und brachte noch immer schluchzend hervor, dass ich auf ihr Angebot eingehen würde, dass ich in Ordnung bringen wollte, was geschehen war. Wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring klammerte ich mich an ihre Knöchel und flehte sie um Erlösung an.

Sie erhörte mich, nur dafür war sie schließlich hier, um mich zu erlösen von, ja, wovon eigentlich? Ich schätze, von mir selbst.
Sie beugte sich zu mir herunter und umarmte mich und dann durchfuhren mich unsagbare Schmerzen. Tausende von Messern bohrten sich von allen Seiten in mich, jede einzelne meiner Zellen wurde zerschnitten und schrie auf vor Agonie.
Mir fehlen die Worte, um die Schmerzen der Vereinigung angemessen zu beschreiben, denn es waren keine Schmerzen des Fleisches ausgelöst durch Transmitter und Nerven. Es waren Schmerzen der Seele, losgelöst von allem Stofflichen, pure, wahre Schmerzen.

Dann war es, als ob ich auf die Rückbank gedrängt wurde. Ich spürte, wie sie versuchte mir mitzuteilen, dass ich mich nicht wehren sollte, es einfach geschehen zu lassen. Es würde nicht für immer so bleiben. Ich würde nicht für immer auf der Rückbank meines Körpers sitzen und mich wankend mit flüssigem Gehirn schlurfend vorwärts bewegen.
Bevor sie den Raum verlassen konnte versuchte ich ihr mitzuteilen, wie sie sich um meine Sachen kümmern musste, mein Reisegepäck und die Gehirnproben aus Uganda, aber sie schien mich nicht recht zu verstehen und nahm einfach alles mit.

Mir wurde schwarz vor Augen und ich verlor das Bewusstsein. Nur ab und an konnte ich aus meinem Körper hinaus spähen. Wir waren in der Wüste, wanderten durch die Dünen, durch den Sand.
Der Sand war überall, unter meiner Kleidung, in meinen Schuhen, in den Haaren und in jeder anderen Öffnung meines Körpers.

Immer noch Wüste, soweit das Auge reichte. Meine Kleidung hing in Fetzen, meine Haut und mein Fleisch auch. Dem Gepäck ging es nur unwesentlich besser.

Wir erreichten ein Dorf mitten in der Wüste. Wie konnten hier nur Menschen überleben? Der Sand musste sie doch alle umbringen, so wie er mich umgebracht hätte, wäre ich nicht bereits tot gewesen.
Eine kleine Oase, Pflanzen, Grün und Blau inmitten eines Meeres aus Gelb und Braun.
Die eine Hälfte der Häuser war zerstört, geschmolzen. Welche Kraft auf dieser Welt konnte Häuser aus Stein zum Schmelzen bringen?

Dann sah ich einen kleinen Tempel. Ich brauchte einen Moment, bis ich ihn erkannte, ein Tempel des Ammun, der versteckten Macht. Vor dem Tempel arbeitete eine junge Frau, sie kümmerte sich um die Blumen. Als sie mich erspähte, geriet sie nicht etwa in Panik ob des wankenden Leichnams, der ihr entgegen schlurfte. Nein, sie schien sich zu freuen und mir entgegen zu eilen.
Wir gingen hinab und betraten einen Tempel. Er war nicht groß, aber es waren einige Menschen dort, fleißig etwas vorbereitend. Wie die Ameisen gingen sie pflichtbewusst ihrer Aufgabe nach.
Offenbar hatte man uns schon erwartet. Man geleitete uns auf einen Altar, wusch uns, säuberte uns und ölte uns ein. Schließlich wurden wir mumifiziert, naja, zumindest in für den Lebenszauber angemessene Bandagen gewickelt.

Bint-Aat führte mich in eine gewaltige Halle. Mir fiel auf, dass ihre Gestalt jetzt nicht mehr so viel Substanz hatte wie bei unserer ersten Begegnung. Sie war durchscheinend, transparent, so wie man sich gemeinhin einen Dschinn oder Geist vorstellte. Der Weg hierher war lang und beschwerlich gewesen, aber die Pharaonin war eine erstaunlich gute Führerin. Ich sollte später herausfinden, dass sie eine wahre Koryphäe war, was die Welt hinter dem Leichentuch anging.

Rund um diese Halle herum saßen 42 Richter, ich musste sie nicht zählen, ich wusste einfach, dass es 42 waren. Welch eine seltsame Zahl. Irgendetwas war mit dieser Zahl, ich kannte sie. Ja, richtig, das Buch des Thoth, in dem alles Wissen der Welt niedergeschrieben stand, bestand aus 42 Schriftrollen.
Es gibt keine Zufälle.

Anubis stand dort und forderte uns auf zu bestätigen, warum wir hier seien. Bint-Anat ergriff das Wort. Dann war ich an der Reihe.
„Ich bin Melekh. Ich bin hier, um den Lebenszauber zu empfangen, um gemeinsam mit Bint-Anat Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“ Ich wusste nicht, was ich sonst hätte sagen sollen.
Sie würde mir helfen, Amani zu retten und den Phänomenen in Uganda auf die Schliche zu kommen, und ich würde dafür mich dafür im Ausgleich um andere Probleme kümmern. Ich wusste nicht genau, was sie vor hatte, was gemeint war. Vermutlich ähnliche Probleme wie die meinen, nur älter.
Offenbar hatte ich das Richtige gesagt. Zuerst wurde eine weiße Feder gewogen, dann musste ich mich auf eine Digitalwage stellen. Bitte. Anubis mit einer Digitalwage? Dass ich nicht lache. Welch schlechter Scherz.

Auch um mich herum lachte niemand, sie waren alle mit Ernst bei der Sache. Als er auch nach meinem Zögern nicht die Seelenwage hervor holte, gab ich nach und stellte mich auf seine Digitalwage. Einfach lächerlich, ein Gott mit einer Digitalwage. Das würde ich niemals in meinem Buch erwähnen, oder vielleicht doch?

Es dauerte eine Weile und dann spuckte die Wage einen endlos langen Bon aus. Wie an einer Kasse im Supermarkt, wenn man zu viel eingekauft hatte. Offensichtlich stand nicht nur das Gewicht meines Herzens auf diesem Bon, sondern mein ganzes Leben. Alles was ich getan und gedacht hatte und vieles, was ich versäumt hatte zu denken oder zu tun.
Dann begann die Diskussion. Endlos lange diskutierten die 42 über meine Taten und darüber, was ich hätte tun können, bis sie zu ihrem Entschluss gelangten.
Ich war würdig, nein, wir waren würdig.

Erneut Schmerzen. Schlimmer noch als bei ihrer ersten Umarmung. Ich war mir nicht darüber im Klaren gewesen, dass dies überhaupt möglich war.
Jetzt würde ich sterben, denn ich sah, wie mein ganzes Leben an mir vorüber zog. Uganda, das Cleopatras, der Abend mit Amani, einfach alles und in verkehrter Reihenfolge.
Je näher wir meiner Geburt kamen, umso gefasster machte ich mich auf das Ende. Die Fresserin würde mich verschlingen, ich war doch nur Futter für Amut.

War ich doch nicht würdig gewesen, reichte Bint-Anat nicht aus, um meine Fehlerhaftigkeit aufzuwiegen?
Dann begann ihr Leben. Sie war eine mächtige, einflussreiche Frau und später auch Pharaonin gewesen. Wir beide waren uns gleicher, als ich erwartet hatte. Auch sie blickte auf eine Liebesgeschichte zurück, die in der heutigen Zeit mehr als nur gehobene Augenbrauen zur Folge hätte. Darum also war sie zu mir gekommen. Wir waren einander ähnlich. Durch ihr Leben lernte ich, dass an meinen Gefühlen für Amani nichts Verwerfliches war.

Gemeinsam würden wir dafür kämpfen, sie von Zaid und dem Rest meiner Familie zu befreien.
Und dann würden wir uns gemeinsam ein neues Leben aufbauen. Ein Leben, in dem wir anderen Menschen helfen würden, die ihr Leben nicht in Freiheit, nicht selbstbestimmt, leben durften.
Dann erwachte ich. Nur ich. Bint-Anat und ich waren nicht mehr wir, nicht mehr zwei, die sich meinen Körper teilten. Wir waren jetzt eins, sie war ein Teil von mir geworden, so wie mein Herz oder mein Gewissen ein Teil von mir war.

Seitdem bin ich nicht mehr Melekh ibn Metschetschi, seit ich erwachte, bin ich Melekh Bint-Anat.
Aber zunächst war ich eine Mumie. Immer noch in Bandagen gehüllt, unfähig mich zu bewegen.
Meine Bemühungen irgendetwas zu tun, die Welt wahrzunehmen, zogen die Aufmerksamkeit der Gärtnerin auf sich. Sie trat an meine Seite und half mir die Bandagen zu entfernen.
Es war berauschend. Mit jedem Quadratzentimeter Haut, den wir freilegten, konnte ich mehr von der Welt um mich herum wahrnehmen.

Der herzhafte Duft von Kräutern und Ölen umgab mich und wurde immer intensiver. Mir entging kein Luftzug und war er noch so schwach, sofort stellten sich einige Härchen auf und wurden zu einer Gänsehaut, die mir Kühlung in der sengend heißen Wüstenluft versprach.
Dann endlich war ich befreit. Nicht nur von den Bandagen, mit jedem Fetzen, den wir entfernt hatten, hatten wir ein Stück meiner alten Unentschlossenheit entfernt. Ich wusste jetzt genau, was ich tun wollte, was ich tun musste. Die Zeit, das Leben so hinzunehmen wie es andere formten, war vorbei. Dies hier war mein Leben und ich war frei es mir zu nehmen und es so zu leben, wie ich es schon all die Jahre hätte leben sollen. Wie ich es mir all die Jahre gewünscht hatte.

Nackt saß ich inmitten eines riesigen Haufens aus Leinenfetzen, wie eine Libelle, die alte, abgestorbene Haut des Larvenzustandes hinter sich lassend, um einem neuen Leben in den Lüften entgegen zu fliegen. Nur war ich wohl weniger räuberisch gewesen als eine Libellenlarve.
Ich sah auf zu der Gärtnerin, sie trug einen schlichten weißen Kaftan, nur gut, dass kein direktes Sonnenlicht auf sie fiel, es hätte mir das Augenlicht genommen.
Ihre Haut war fast ebenso weiß wie ihr Kaftan, nur ein Hauch von Bräunung unterschied die beiden Farben. Wie konnte man hier in der Wüste nur so weiß bleiben?

Hellblonde Haare reichten ihr bis zu den Schultern, stufig geschnitten und nicht gerade ordentlich frisiert. Haare von der Farbe reifen Weizens sah man nicht oft in Khem, aber noch während ich über ihre Haare nachdachte, wanderte meine Aufmerksamkeit weiter zu ihren überaus blauen Augen. Ich glaube, noch nie hatte ein Blick so sehr die Beschreibung wässrig verdient.

Dann versuchte ich zu sprechen, aber statt Sprache ertönten nur zombiehafte Stöhngeräusche, meinem gehirnlosen Zustand wesentlich angemessener als meiner neuen lebendigeren Form.
Sie schaltete und reichte mir ein Glas mit Wasser, aus dem ich schnell einen Schluck nahm.
Nur kurz die Lippen, den Gaumen, die Zunge befeuchten und dann schnell runter damit. Ich trank niemals Wasser, immer nur Tee. Es schmeckte so sehr nach nichts, dass ich es einfach nicht schlucken mochte. Dieses Wasser jedoch war ganz anders. Es war köstlicher, erfrischender als jedes andere Getränk, von dem ich jemals gekostet hatte. Man konnte schmecken, dass es dieses Wasser war, welches Leben spendete, welches eine grüne Oase in den Tiefen der Wüste überhaupt möglich machte.
Erstaunt sah ich zunächst das Wasser und dann meine Gönnerin an. Sie lächelte mich freundlich an, wissend. Sie wusste genau, was in diesem Moment in mir vorging.

Vielleicht aber auch nicht so genau, wie sie dachte. Ihre Wangen verfärbten sich und wurden rosa wie Pfirsichblüten, erst langsam und dann immer schneller. Offensichtlich war ihr aufgefallen, dass ich noch immer nackt war. Sie verfiel in hektische Aktivität, verschwand kurz und kehrte dann mit einem weißen Kaftan zurück, den ich mir überziehen konnte, damit sie mich nicht mehr sehen musste.
Dann ging alles sehr schnell, ich kann mich nicht mehr entsinnen, was in welcher Reihenfolge geschah, sie wollte mir irgendetwas erzählen, beibringen, erklären.
Vermutlich wusste sie nicht, wie umfassend Bint-Anats Wissen war, was die Welt hinter den Spiegeln anging und damit auch unser aller Feind, den Verderber, die Große Schlange.

Mich aber interessierte nur eines.
Amani.

Wieviel Zeit war vergangen? Ich musste es wissen.
2 Monate, ich war 2 Monate wie vom Erdboden verschluckt gewesen.
Dann kam es jetzt auch auf keinen weiteren Tag mehr an. Wenn die Welt sich zwei Monate ohne mich weitergedreht hatte, würde sie es sicher auch noch einige weitere Tage schaffen, in denen mir Naranj erklärte, was auch immer sie mir erklären wollte.

Aber sie hatte gesehen, dass es etwas gab, tief in meinem Inneren, das mir wichtiger war als alles sonst auf der Welt. Ich weiß nicht, ob die 42 Richter mit dieser Einstellung einverstanden gewesen wären. Aber sicherlich hatte es auf meinem Bon gestanden, vielleicht hatten sie sogar darüber diskutiert? Es war mein Bann. Im Moment konnte ich mir nichts vorstellen, was ich nicht für Amani getan hätte. Ein Schmunzeln breitete sich in meinem Gesicht aus, als ich an meine Selbstmordpläne denken musste. Traurig. Jetzt konnte ich so viel mehr unternehmen. Nein, jetzt würde ich endlich etwas unternehmen, die Fähigkeit dazu hatte ich schon immer gehabt.

Naranj meinte, ich solle mein Handy auf neue Nachrichten überprüfen, es wäre noch intakt.
Ich durchwühlte meine wenigen Habseligkeiten, förderte das Handy zu Tage. Es hatte tatsächlich noch Strom, es musste irgendwann ausgeschaltet worden sein.
So hektisch, dass ich die Tasten kaum zu treffen vermochte, öffnete ich das Mitteilungsverzeichnis und blickte auf fast ein Dutzend SMS meiner Schwester.

Ich begann mit der ältesten und arbeitete mich in chronologischer Reihen folge vor.

31.08: Z. kommt am 10.09 zurück

Sie wollte mich immer noch warnen. Aber ich war in Sicherheit um mich brauchte sie sihc keine Sorgen mehr zu machen. Ihr wohl war es, was mich bedrückte. Hoffentlich würde Zaid ihr nichts antun.

07.09: Noch 3 Tg. Sollte ich mich nicht nicht fürchten, wenn doch alles richtig ist?

Meine neugewonnene Freiheit entschwand wieder, genauso plötzlich wie ich von ihr gekostet hatte. Wenn alles richtig wäre, würdest du dich nicht fürchten. Dann wäre ich bei dir, würde die beistehen. Zusammen hätten wir einen Plan entwickelt, dem selbst Zaid nichts entgegenzusetzen hätte.

14.09: Wieder zurück. Die Kinder müssen 5m Abstand halten. Ich bin das Böse.

SMS für SMS legte sich ein schwerer Eisenring nach dem anderen um mein Herz. Eingeängt. Wie konnte er es wagen. Was hatte er schon mit den Kindern zu schaffen. Amani. Niemand war für dich da. Ich hätte da sein müssen. Hätte dich in den Arm nehmen müssen, hätte einen Weg finden müssen dich und sie zusammen zu bringen.

21.09: So viele Tränen und nicht genug. Wo bist du? Sags nicht, aber melde dich.

Meine neugewonnene Tatkraft verflog. Ich bin hier Amani. Ich will nichts weiter als zu dir kommen, dir helfen. Aber ich war nicht da. Ich konnte nichts sagen, habe mich nicht gemeldet. Ich war tot.

28.09: Hast du mich auch verlassen? Wolltest du mich nicht nie verraten?

Nein. Ja. Ich wollte es nicht Amani, du musst mir glauben ich wollte es nicht. Aber was ich wollte war nicht von Bedeutung. In seinem Stahlgefängnis erstarrte mein Herz zu Eis. Sie hatte Recht. Ich hatte sie verlassen. War nicht für sie dagewesen. Bin wie immer nur weggelaufen. Und dann habe ich den ultimativen Rücktritt angetreten und bin gestorben. Ja Amani, ich habe dich verraten. Aber nicht nur das ich habe auch mich verraten. Wie sollte ich es nur jemals wieder gut machen. Ich hatte alles verraten was mir lieb und teuer war. Ich hatte meine Liebe zu dir verraten. Aber nicht erst jetzt. Seit 10 Jahren schon. Schon immer hatte ich alles verraten.

05.10: Ohne Sinn und Sinne. Zuschauerin in meinem eigenen Leben. Hasst du mich auch?

Leere. Sie breitet sich aus in mir. Absolute Leere, der Schlund der Fresserin, ich konnte spüren wie er sich langsam in meinen Eingeweiden öffnete. Beiseite schob, was ich nicht mehr, was ich nie wieder brauchen würde. Und dann begann sie mich zu verschlingen. Erst langsam und dann immer schneller wurde mein ganzes Sein von Verzweiflung von Leere überflutet und fortgerissen. Nichts würde von mir übrig bleiben, nur eine leere Hülle. Nur die Haut einer Libelle.

12.10: Ich ertrage das alles nicht mehr. Keine Kraft mehr.

Die letzte SMS fehlte.

Mein Herz blieb stehen.

Tränen schossen mir in die Augen.

Nur ein einziges Wort kam über meine Lippen. Es brach hervor wie ein Vulkanausbruch, ertönte wie das Brüllen eines Löwen: „Nein!“

Es durfte nicht sein. Ich wollte doch alles wieder in Ordnung bringen! Bint-Anat hatte gesagt, wir würden alles wieder in Ordnung bringen. Ich hatte versagt. Ich hatte zu lange gebraucht. Alles war verloren. Dafür war ich nicht wiedergeboren worden.

Aber Naranj ließ sich von meinem Zusammenbruch nicht beirren. Sie zerrte mich in einen anderen kühlen Raum, fort aus der Sonne, in der ich sonst sicherlich abermals ausgeharrt hätte, bis nur noch eine verdorrte Hülle übrig gewesen wäre. Sie brachte mich in ihr Arbeitszimmer, ihren Computerraum.
Und was für eine Anlage sie besaß, überall summten die Lüfter. Auf verschiedensten Bildschirmen blinkten die unterschiedlichsten Statusmeldungen auf, alle waren beschäftigt.

Neugierig beobachtete ich Naranj, während sie mit einigen schnellen Handgriffen nicht nur Totenanzeigen, sondern auch Listen mit Patienten in den verschiedensten Krankenhäusern aufrief. Beeindruckend, so vertrieb sich eine kleine blonde Frau also die Zeit in der Wüste.
Amani war nicht gestorben und befand sich auch in keinem der Krankenhäuser.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie wirklich noch lebte, aber Naranj blieb zuversichtlich und so begann ein winzig kleiner Funken Hoffnung tief in mir zu glimmen, begann erneut ein Feuer zu entfachen.

Nachdem ich Amani eine SMS geschrieben hatte, in der ich einiges erklärte, ohne dabei die Aminte zu enthüllen ging es mir etwas besser. Die unmittelbare Gefahr war hoffentlich gebannt. Also tat ich Naranj den Gefallen und unterhielt mich mit ihr. Sie erzählte mir von den Ägyptischen Göttern, den Konflikten, die es um dieses Land gegeben hatte und wie sie sich zu einem Konflikt um die ganze Welt ausgeweitet hatten. Das meiste wusste ich bereits, aber Naranj und auch meine Erinnerungen, die ich wohl von Bint-Anat geerbt hatte, halfen mir dabei, alles besser zu verstehen. Zusammenhänge und Probleme traten vor mein inneres Auge, Dinge, die in Ordnung gebracht werden mussten.

Als Aminte standen mir auch die Hekau, alte ägyptische Zauber, zur Verfügung um zu tun, was getan werden musste. Naranj schien mir um einiges voraus und brachte mir im Schnellverfahren einige einfache Tricks bei. Irgendwann später würden wir uns um kompliziertere Hekau kümmern, aber jetzt blieb keine Zeit. Ich wollte das Sechet-Iaru und die tiefsten Abgründe der Duat in Bewegung setzen, um Amani zu helfen.

Aber wo sollte ich nur anfangen?
Ich entschied mich dafür, bei Naranj anzufangen und so erzählte ich ihr die lange traurige Geschichte meines Lebens. Gebannt hörte sie zu und anders als ich bei ihrem abendländischen Aussehen vermutet hätte, wandte sie sich nicht von mir ab, sondern wollte mir helfen. Sie selbst musste hier beim Tempel des Ammun bleiben und gemeinsam mit ihren Helfern, sie bestand auf dieses Wort, die Häuser instand halten und eventuelle Aminte auf ihrer Hadsch in Empfang nehmen, auch wenn nur selten jemand hier eintraf.

Aber vor kurzem waren einige andere Aminte wiedergeboren worden, Abendländer aus Helsinki, an die ich mich wenden könnte, die mir bestimmt helfen würden.
Helsinki? Zufälle gibt es nicht, hätte Wittgenstein jetzt gesagt und ich beschloss, mir dieses Motto zu eigen zu machen. Auch die Gehirnprobe aus Uganda musste immer noch nach Helsinki. Die Sonne hatte vermutlich so einiges verdorben und mir graute schon vor einem erneuten Ausflug in das Epidemiegebiet, aber Naranj hatte seit meiner Ankunft die Kühlbox in Stasis versetzt.
Es war eines der Hekau, die sie mich gelehrt hatte. So lange man sich regelmäßig auf einen bestimmten Gegenstand konzentrierte, konnte man ihn in dem Zustand erhalten, in dem er war.
Darum musste Naranj auch hier bleiben. Die Häuser bestanden aus einem wasserlöslichen Gestein und vor einem halben Jahrhundert hatte der Regen sie geschmolzen.
Heute aber verhinderte sie, dass so etwas noch einmal geschehen würde.

Trotzdem würde sie riskieren, mich nach Misr zu fahren. Ich hatte keinen Führerschein und aus mir unbekannten Gründen wollte sie keinen der Helfer schicken. Ich glaube, so eine Oase in der Wüste konnte ganz schön langweilig werden und sie brauchte einfach etwas Abwechslung.

Sie raste wie eine Verrückte, beherrschte ihren Jeep aber mindestens so gut wie ihren Computer und so kamen wir nach einer fünfstündigen Fahrt in Misr an. Dort musste ich mich leider auf unbestimmte Zeit verabschieden, aber wir tauschten Telefonnummern und dergleichen aus, um in Kontakt zu bleiben.
Ich würde ihre fröhliche Art sehr vermissen, vor allem oben im kalten Norden, wo alles dunkel und grau war.
Die drei Tage in ihrer Oase und auch unsere Gespräche während der Autofahrt hatten mir gut getan.
Sie war der einzige Mensch, der alles über mich wusste.
Und dabei war sie nicht einmal ein Mensch.

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